Das Münzbildnis des Lucius Iunius Brutus in der frühen numismatischen Literatur more

Timo Stingl, Das Münzbildnis des Lucius Iunius Brutus in der frühen numismatischen Literatur, in: A. Schwarzmaier (Hrsg.), Der Brutus vom Kapitol. Ein Porträt macht Weltgeschichte (Berlin 2010) 64-79.

TIMO STINGL DAS MÜNZBILDNIS DES LUCIUS IUNIUS BRUTUS IM 16. JAHRHUNDERT Das Bildnis des so genannten Brutus vom Kapitol in Rom (Kat. 1) ist seit dem 16. Jahrhundert bekannt. Ulisse Aldrovandi beschrieb im Jahr 1550 in der Publikation Le Antichità della Città di Roma von Lucio Mauro den Bronzekopf als Lucius Iunius Brutus. In der Forschung ist man immer davon ausgegangen, dass für diese Benennung Münzen des Marcus Iunius Brutus mit Porträtdarstellungen des älteren Brutus die Grundlage gebildet hatten. Bei den in Frage kommenden Münzen handelt es sich zum einen um den Denar (Münztyp Crawford 433,2) aus dem Jahr 54 v. Chr. mit den Porträts des L. Iunius Brutus auf der Vorderseite sowie des C. Servilius Ahala auf der Rückseite (Abb. 2, Kat. 5) und zum anderen um den Aureus (Münztyp Crawford 506,1) des Legaten L. Pedanius Costa, den dieser für M. Iunius Brutus 43/42 v. Chr. prägen ließ (Abb. 1, Kat. 9). Jedoch sind die Unterschiede zwischen Bronzekopf und Münzporträts so evident, dass heute eine Identifikation als L. Iunius Brutus aufgrund der Münzbilder abgelehnt wird. Aus diesem Grund soll am konkreten Beispiel (Münztyp Crawford 433,2) untersucht werden, ob und welche Bedeutung die Münzbildnisse bzw. die frühe numismatische Literatur für die Zuschreibung des Bronzekopfes hatten. Diese Auswertung ist eingebunden in das Projekt »Translatio nummorum« bei der Forschungsstelle »Census of Antique Works of Art and Architecture Known in the Renaissance« an der Berliner Humboldt-Universität, welches sich zum Ziel gesetzt hat zu erforschen, wie Gelehrte und Antiquare der frühen Neuzeit mit den antiken Münzen umgingen. Mit der Erschließung der antiken Literatur im 14. Jahrhundert setzte das Interesse an Bildnissen der römischen Kaiser ein. Aber erst mit dem 16. Jahrhundert kamen numismatische Veröffentlichungen auf, die allgemein in drei Kategorien zusammengefasst werden können: metrologische Studien (zu Gewichten und Maßen der Münzen), Bildnisvitenbücher und wissenschaftlich-klassifizierende Werke. Das erste gedruckte Werk war das Bildnisvitenbuch A. Fulvios (1470–1527) Illustrium imagines: imperatorum, et illustrium virorum ex antiquis numismatibus expressis aus dem Jahr 1517, welches nachfolgende Arbeiten stark beeinflusste. Es enthält Bildnisse der Kaiser, berühmter Männer und Frauen, die durch die Vorderseiten von Münzen in einheitlicher Größe wiedergegeben werden. Die Porträts bekrönen als Medaillons jeweils eine Texttafel mit einer kurzen Biographie der dargestellten Person. Eine erste Erwähnung republikanischer Münzen ist in der dritten Auflage von Johannes Huttich (1480–1544), Imperatorum et caesarum vitae aus dem Jahr 1534 zu finden. Dort werden im Anhang die Konsuln der Römischen Republik anhand von 52 Denaren erstmals DA S MÜ N Z B I L D S I M 16. JA H R HU N D ERT 25 01 Aureus des Legaten L. Pedanius (Münztyp Crawford 506,1). 02 Brutus – Ahala Denar (Münztyp Crawford 433,2). 03 Titelblatt von Orsinis Familiae romanae. illustriert. Der erste Konsul L. Iunius Brutus (gewählt im Jahr 509 v. Chr.) wird durch den Münztyp Crawford 433,1– mit der Libertas (einer weiblichen Personifikation der Freiheit) auf der Vorderseite und der Darstellung des Brutus flankiert von zwei Liktoren und einem Amtsdiener auf der Rückseite (Kat. 6) – erstmalig präsentiert. Die Münzbilder werden spiegelverkehrt und die Rückseite nicht vollständig wiedergegeben. In den wichtigen Bildnisvitenbüchern des Würzburger Malers Hubertus Goltzius (1526– 26 1583) und des Jacopo de Strada (um 1505/07– 1588) spielen die republikanischen Münzen noch keine Rolle. Ab der Mitte des 16. Jahrhunderts kommen die ersten wissenschaftlich-klassifizierten Werke auf. Im Vordergrund standen hier Informationen über Religion, Geschichte, Topographie und Militär der römischen Antike, die vor allem in Verbindung mit entsprechenden Münzdarstellungen bebildert wurden. Erwähnenswert sind die Werke von Enea Vico (1523–1567), die zwar noch in der Tradition der Bildnisvitenbücher standen, aber erstmals Münzen geordnet nach Reversen der Kaisermünzen in Materialgruppen zeigten. Unter diese Gattung fällt auch De Re nummaria antiqua. Fastos magistratum et triumphorum Romanorum ab urbe condita ad Augusti obitum ex antiquis tam numismatum quam marmorum monumentis restitutos S.P.Q.R. von Goltzius aus dem Jahr 1566. Er präsentierte als erster republikanische Münzen in einer chronologischen Aneinanderreihung von Königen, Konsuln, Kriegen und Triumphen der Römischen Republik. Münzen mit Darstellungen des L. Iunius Brutus sind hier aber nicht erwähnt. Mit dem 1577 erschienenen Werk von Fulvio Orsini (1529–1600) kam es zu einer Neuordnung der Münzdarstellungen. Das Buch Familiae Romanae quae reperiuntur in antiquis numismatibus ab urbe condita ad tempora divi Augusti ex biblioteca Fulvi Ursini präsentierte Münzporträts republikanischer Zeit und gliederte die Münzen nach Familien (Abb. 3). Unter DA S MÜ N Z B I L D S I M 16. JA H R HU N D ERT 27 06 Index und Titelblatt von Le Pois, Discours sur le Medalles. 04 Münzen der Gens Iunia mit dem Brutus – Ahala Denar. 05 Münzen der Gens Servilia mit dem Brutus – Ahala Denar. den Porträts erscheint der Denar vom Typ Crawford 433,2 zum einen unter der Gens Iunia (Abb. 4) und zum anderen unter der Gens Servilia (Abb. 5). Dabei handelte es sich um die frühesten Darstellungen des Münztyps in der numismatischen Literatur. Die abgebildeten Porträts wurden anhand der Legenden und der literarischen Quellen als L. Iunius Brutus und C. Servilius Ahala von Orsini gedeutet und ausführlich beschrieben. 1579 erschien Discours sur le médalles et graveures antiques, principalement Romains des Mediziners Antoine Le Pois (1525–1578) (Abb. 6). In seinem Werk wurden die Münzen nach Material, Herstellung, Reversen und Wert untersucht. Die ausführlichen Kommentare und die Nennungen der Münzen beginnen nicht wie in den Bildnisviten mit Caesar, sondern der Autor gab einen kurzen Einblick in die republikanische Zeit. Auf der dritten Tafel zeigt Le Pois den Denar Brutus / Ahala und beschrieb ihn wie Orsini als eine Münze des M. Iunius Brutus mit der Präsentation seiner Ahnen (Abb. 7). In engem Kontakt zu F. Orsini stand der Erzbischof aus Tarragona, Antonio Agustín (1516– 1586). In seinem 1587 auf Spanisch veröffentlichten Werk Dialogos de medallas, inscriciones y otras antiguedades gab er erstmals ein ausführliches DA S MÜ N Z B I L D S I M 16. JA H R HU N D ERT 29 08 Titelblatt und Tafel 4 in Agostins Discorsi sopra le medaglie von 1592. 07 Tafel C mit republikanischen Münzen, darunter dem Brutus – Ahala Denar (Nr. 4). Resümee der numismatisch-antiquarischen Forschungen des 16. Jahrhunderts wieder. Die Münzen gliedern sich nach den Rückseitendarstellungen in die Bereiche Architektur, mythologischallegorischen Attribute und Inschriften. 1592 wurde das Buch in zwei Versionen in italienischer Sprache in Rom herausgegeben: 1. Dialoghi di Don Antonio Agostini intorno alle medaglie (Abb. 10. 11) und 2. Discorsi sopra le 30 medaglie (Abb. 8. 9). Im spanischen Original und in den Discorsi befindet sich die Münze Crawford 433,2 auf der vierten Tafel als ein Beispiel für republikanische Münzen. Dagegen erscheint sie im Werk Dialoghi zusammen mit Münzen unterschiedlicher Epochen, die ebenfalls auf beiden Seiten Porträts zeigen. Die Deutung und Beschreibung der Münze orientierte sich an Orsinis Familiae Romanae. 09 Der Brutus – Ahala Denar in Agostins Discorsi auf Tafel 4. 10 Titelblatt und Abbildungen der Münzen mit beidseitigen Porträts auf S. 23 der italienischen Fassung von Agostins Dialoghi von 1592. 12 Titelblatt von Fabers Illustrium imagines von 1606 und Galles Stich des L. Iunius Brutus auf Tafel 81. 11 Der Brutus – Ahala Denar. Die 1598 erschienene Neuauflage der Imagines durch Theodore Galle (1571–1633) war nur ein Bildteil von Orsinis Porträtsammlung. Galle zeigte auf 151 Stichen Porträts, ohne Darstellungen auf Münzen und geschnittenen Steinen mit einzubeziehen. Jedoch entsprach das nicht Orsinis Vorstellung, da so die Authentizität eines Porträts nicht bewiesen sei. Aus diesem Grund sowie der schlechten Auswahl und geringen Qualität der Stiche wegen sollte das Werk vervollständigt und mit den Kommentaren Orsinis neu herausgegeben werden. Eine Neuauflage erfolgte jedoch erst durch den Arzt Johannes Faber, der Galles Stiche zusammen mit Orsinis Kommentaren 1606 in Illustrium imagines ex antiquis marmoribus, nomismatibus et gemmis expressae quae exstant Romae maior pars apud Fulvium Ursinum publizierte (Abb. 12). DA S MÜ N Z B I L D S I M 16. JA H R HU N D ERT 33 Dieses Buch zeigt das Porträt des L. Iunius Brutus vom Denar Crawford 433,2 mit Orsinis Kommentar: »Imago L. Iunii Bruti primi Consuli […] ex nummo argenteo. …eius statuae caput, fuit aeneum illud […] in Capitolio.« Dieser Kommentar wäre der erste schriftliche Nachweis für die Verbindung des Denares 433,2 mit einer Bronzestatue auf dem Kapitol. Im 17. Jahrhundert kamen vermehrt Publikationen von Münzsammlungen auf. Beispielhaft ist die Veröffentlichung der Sammlung Charles de Croy, die der Kupferstecher Jacques de Bie (1581–1650) in Regum et imperatorum Romanorum numismata aurea, argenta, aerea im Jahr 1654 präsentierte (Abb. 13). Das Buch orientierte sich an den Bildnisviten des E. Vico. Zusätzlich wurden die Münzen mit topographischen Angaben zur Münzstätte ergänzt. Republikanische Münzen befinden sich als Einleitung auf der ersten Tafel, darunter auch der Denar Brutus / Ahala (Abb. 14). Zusammenfassung: Die Bildnisvitenbücher aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts zeigen noch vorwiegend Kaiserporträts. Die dritte Auflage des Imperatorum et caesarum vitae von Hut34 tich aus dem Jahr 1534, der erstmals die Konsuln der römischen Republik durch Münzen illustrieren ließ, bildete eine Ausnahme. Für die bildliche Wiedergabe des ersten Konsuls L. Iunius Brutus wurde die figürliche Darstellung des Magistrats mit seinen Amtsdienern auf der Rückseite des Münztyps Crawford 433,1 (Kat. 6) verwendet. Daraus kann man schließen, dass in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts die Münzen mit Darstellungen des älteren Brutus zwar bekannt waren, dass aber der für die Zuschreibung der Büste wichtige Münztyp mit den beiden Porträts von Brutus und Ahala noch nicht ins Blickfeld der frühen Antiquare und Gelehrten geraten war. Erst mit Orsinis Familiae romanae von 1577 wurde der Brutus / Ahala Denar in der numismatischern Literatur ausgiebig thematisiert und von da an oft als ein Beispiel republikanischer Münzprägung abgebildet. Daraus kann man folgern, dass weder Münzen noch numismatische Bücher mit Porträts des L. Iunius Brutus bei der Identifikation des Bronzekopfes im Kapitol durch Ulisse Aldrovandi um 1550 herangezogen wurden. 13 Titelblatt und Tafel 1 mit republikanischen Münzen aus Regum et Imperatorum Romanorum Numismata (1654) von J. de Bie. 14 Darstellung des Brutus – Ahala Denars von J. de Bie.
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